"Fortschritt muss sein!" ist einer der Leitsätze unserer Gesellschaft. Barbara und Katja sind anderer Meinung (kongenial: Nina Proll und Claudia Basrawi). Sie fantasieren von Uruguay, wo angeblich alle ihre Autos jahrzehntelang reparieren und das Leben deshalb entspannter ist. Kein Wunder, dass sie grau-magentafarbene Telefonsäulen unmöglich finden. Sie wollen die Rückkehr zum guten, alten Gelb. Weil solche Forderungen gemeinhin kaum Gehör finden, verschleppen sie - eher aus einer Laune heraus - den Telekom-Chef Harald Winter (prima genervt: Drehbuchautor und Co-Regisseur Rainer Knepperges) in ein abgelegenes Ferienhaus. Den Manager stört vor allem, dass die Aktion furchtbar unprofessionell ist. Denn der kriminelle Sachverstand der Kidnapperinnen bewegt sich auf dem Niveau von Enid Blyton, Yps-Gimmicks und Kinder-Geheimsprachen. Aber nach ersten gescheiterten Fluchtversuchen ahnt Winter, dass er, so gefangen, vielleicht freier ist als anderswo.
Wann hat eine deutsche Komödie zuletzt begriffen, dass beiläufiges Erzählen, Leichtigkeit im Gefühl und Understatement bei leicht absurdem Humor nicht zu schlagen sind? Und es so beglückend unaufdringlich umgesetzt? "Die Quereinsteigerinnen" ist der beste Beleg für den Charme der Fortschrittsverweigerung. Es geht auch anders. Und anders kann viel schöner sein.
(Thomas Willmann, Tagesspiegel, August 2006)



Knepperges hat 2000 einen Band mit dem Titel Gdinetmao - Abweichungen vom deutschen Film herausgegeben, der mit Texten zu randständigen Werken und Personen der (west-)deutschen Filmgeschichte eine "Passage durch unbekanntes Terrain" unternimmt. Könnte man sich heute noch auf Kategorien wie "Underground" berufen, dann wären Die Quereinsteigerinnen selbst dafür das schönste Lebenszeichen.
(Isabella Reicher, Der Standard, Mai 2007)



Die richtige Anrede

Bei der Kommunikation mit der Öffentlichkeit verfahren viele Filmemacher wie Entführer: Die Botschaft soll deutlich sein, die Rollen klar verteilt, das Ende absehbar. Rainer Knepperges und Christian Mrasek halten es aber mit ihren Figuren und gewähren ihnen eine im deutschen Kino ungewöhnliche Freiheit, ihre Sätze und Rollen im improvisiert wirkenden Spiel erst zu finden. Das mag auf den ersten Blick so unzeitgenössisch wirken wie die Utopie, die die drei Entführungs-Debütanten entwickeln, hat aber, um mit Katja zu sprechen, nichts mit Nostalgie und viel mit Besonnenheit zu tun. Am ehesten ließe sich diese Haltung vielleicht als ein Innewerden der Schönheit der Dinge und der Sprache jenseits ihrer Zweckmäßigkeit und professionellen Verwendbarkeit beschreiben.
Der den Figuren und Film innewohnende dilettantische Charme ist nicht das Ergebnis von Unvermögen, sondern einer sorgfältig konstruierten Form, angefangen beim wunderbar pointierten Drehbuch, das Sprechen nicht als motivierte Mitteilung, sondern als frohe Tätigkeit auffasst, über die Kleider der Kostümbildnerin Elena Wegner bis zur Ausstattung des Ferienhäuschens durch Claudia Stock, jedes Detail dieses Films hat seinen ihm gebührenden Platz inne und wirkt doch nie einem narrativen Zweck unterworfen. Die Dinge sind da, weil sie schön sind, der Korkenzieher mit Wurzelgriff ebenso wie Stevensons Die Schatzinsel und Barbaras sexy Klamotten.
Überhaupt sind es die Frauen, die die Freiheit verkörpern, um die es bei allem Spiel ganz ernsthaft doch auch immer geht. Während sich Harald und Stefan an die Rollen des Managers respektive professionellen Entführers klammern, entfalten Nina Proll und Claudia Basrawi in ihren Rollen einen anarchisch-erotischen Charme, dem die seriösen Herren der Schöpfung nichts entgegenzusetzen haben. Es wird viel getanzt und rumgealbert, wie in den besten Filmen von Klaus Lemke, deren sexy Girls immer ganz bei sich und niemals dem männlichen Blick unterworfen scheinen. Lemke selbst hat einen Kurzauftritt als sinistrer Undercover-Agent mit Sonnenbrille und Schiebermütze, der die beiden "Wunderstuten" davor warnt, ihr Spiel nicht zu weit zu treiben.
Schließlich taucht im Dorf eine gelbe Telefonzelle auf, die jedoch nicht angeschlossen ist. Das wird noch ein bisschen dauern, erklärt der Techniker. Ist das vielleicht nur ein Trick? Da es im Häuschen weder Telefon noch Fernseher gibt, lässt sich nicht feststellen, was im Rest Deutschlands passiert. Dafür gibt es einen alten Plattenspieler und ein Fläschchen Eierlikör, und man feiert eine Party. Wenig später stolziert Harald, nur mit einem um die Hüfte geschlungenen Handtuch bekleidet, durch die gute Stube. Etwas Rasierschaum im Gesicht, dreht und wendet er sich vor den Damen und erprobt das Leben ohne Anzug. Eine größere Freiheit lässt sich im Laufe eines Wochenendes wohl nicht erlangen.
(Volker Hummel, freitag, August 2006)


"Mit Leichtigkeit die glücklichmachendste deutsche Komödie dieses und manch andern Jahres."
(Georg Kaplan, tz, München, August 2006)


Lob der Besonnenheit

Mit "Die Quereinsteigerinnen" ist den beiden Co-Regisseuren Knepperges und Christian Mrasek, beide Mitglieder der "Kölner Gruppe", eine freundliche Alternative zu aufgeblasenen, sich ach so radikal gebenden, aber nur halb durchdachten Politfilmen wie "Die fetten Jahre sind vorbei" oder "Sie haben Knut" gelungen. Hier wird nicht mit dem Zeitgeist gesurft, sondern durchaus im Geiste von Howard Hawks filmisch Sand ins Kultur-Getriebe gestreut, mit verschroben-kindlicher Situationskomik ("Du, Herr Winter, wessen Lieblingsfarben waren eigentlich Grau und Rosa?"), aber letztlich auch sehr konsequenter Ernsthaftigkeit im Bestehen auf dem Anderssein.
(Ulrich Kriest, Stuttgarter Zeitung, November 2006)


Eine Oase des Glücks im deutschen Kino

Die gelbe Telefonzelle repräsentiert eine Zeit, die auch dem damals jungen deutschen Film einige seiner glücklichsten Momente bescherte. In ihrer Entführungskomödie «Die Quereinsteigerinnen» lassen die Kölner Filmemacher Rainer Knepperges und Christian Mrasek diesen Charme wieder aufleben.
Er entspringt der Unprofessionalität zweier Kidnapperinnen, die den Chef eines deutschen Telefonkonzerns zu einer unerwarteten Auszeit in einem Ferienhaus verhelfen.
Auf Kriegsfuß mit den hypermodernen Telefonstationen wollen Katja (Claudia Basrawi) und Barbara (Nina Proll) die Wiedereinführung der gelben Häuschen durchsetzen. Das Kidnapping von Konzerboss Harald Winter (Rainer Knepperges in Autoritätskostüm und -maske) ist ein spontaner Akt. Der Rest ist Improvisation im grenzwertig altdeutschen Ambiente des Ferienhauses, wo sich die Spannungen lösen wie die Fesseln der auf der Campingliege verschnürten Geisel. Die Reise ins Gestern führt in eine Oase, in der Eierlikör und Heimorgel schlicht zu Hause sind und Katja und Barbara sich in den Jahrzehnte alten Klamotten aus den Untiefen des Kleiderschranks wohl fühlen.
Der Film ist auch eine Oase des Glücks für die Zuschauer in einem wiederum jungen deutschen Kino. Eine Komödie, die das Kunststück vollbringt, aus sich heraus, ohne schrille Retro-Trash-Attitüde bizarr zu sein. In einem Haus, in dem das Althergebrachte überlebt hat, wird die Gemütlichkeit zur Extravaganz. Sie zwingt zur Ruhe, die nicht zur Nostalgie, sondern zu Visionen neuer, alter Lebensformen im hektischen Kapitalismus anregt. Da hierbei die Qualität gelber Telefonzellen und die Utopie von Vollbeschäftigung, bei der Menschen den ganzen Tag im Café sitzen, bestimmend sind, ist jeder Vergleich mit Hans Weingartners «Die fetten Jahre sind vorbei» obsolet.
Inspiriert ist dieser Film vom Kino des Klaus Lemke, der hier als Finstermann des Kapitals einen kurzen aber nachhaltigen Gastauftritt hat. Seine Schwabing-Filme, in denen das Prinzip des Unprofessionellen zum überlebenden Kultfaktor wurde, werden in den «Quereinsteigerinnen» wieder lebendig.
(dpa)


Überall ist Uruguay
So soll deutsches Kino sein: "Die Quereinsteigerinnen"

"Es fällt der Filmförderung halt mal ein Groschen auf den Bürgersteig", sagte Rainer Knepperges. Da hebt man ihn halt auf und macht was draus. Knepperges und sein Koregisseur Christian Mrasek haben "Die Quereinsteigerinnen" gemacht, ein Stück deutsches Kino, das nicht von der Filmhochschule kommt, sondern aus der sogenannten "Kölner Gruppe", die keine Manifeste oder Bewerbungsschreiben, sondern Filme produziert. Schmutzige kleine Filme, wie das früher hieß, als Klaus Lemke noch Filme machte, und deshalb ist es auch kein Wunder, daß Lemke in einer kleinen Rolle dabei ist, weil es da so etwas wie eine Wahlverwandtschaft gibt.
Der Film spielt irgendwo in Holstein. Die Idee ist der reine Irrsinn. Zwei junge Frauen (Nina Proll und Claudia Basrawi) entführen den Chef der Telekom und verlangen die Wiederaufstellung der gelben Telefonzellen. ?Da ist nichts, was auf mich den Eindruck von Professionalität macht?, sagt der Entführte, der schneller vom Stockholm-Syndrom befallen wird, als es das Psychologielehrbuch erlaubt, und wie Regisseur Knepperges ihn spielt, das ist ein besonderer Fall von vorsätzlichem Laienspiel: Er ist sich seiner schauspielerischen Grenzen viel zu bewußt, um unfreiwillig komisch zu wirken. Das ist überhaupt der besondere Dreh des Films: daß er mit einer enormen Versiertheit die Unprofessionalität feiert, daß er aus seinem Geldmangel ein Alleinstellungsmerkmal macht und daß Schauspielerinnen wie Nina Proll dabei sichtbar Spaß am Amateurstatus haben.
Man ertappt sich, wie man immer wieder leise in sich hineinkichert, und begreift, daß es gar nicht so leicht ist, die Balance zwischen unfreiwilliger Komik und den Komödienkonventionen zu halten. Und wo andere Filme sich beflissen um Retro-Chic mühen, da nehmen "Die Quereinsteigerinnen" einfach ein Ferienhaus und ein paar alte Schallplatten, die Kostümbildnerin besorgt ein paar passende Kleider aus den Siebzigern, und Claudia Basrawi improvisiert einen Monolog über Uruguay, wo man angeblich alte Autos repariert, um sie vierzig Jahre lang fahren zu können, und ansonsten friedlich im Café sitzt. Das ist der Stand der Utopie, und das ist auch die Haltung des Films: Er produziert ein Surrogat, und dieses Surrogat hat Substanz.
(Peter Körte, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, August 2006)


Man darf es eine formidable schauspielerische Leistung nennen, wie Rainer Knepperges, der zugleich auch Co-Regisseur des Films ist, diesen Winter spielt: ganz zurückgenommen, lakonisch, beinahe resigniert. (...) Winter verfällt der märchenhaften Stimmung in dem Ferienhaus und läßt sich schließlich auf all die Seltsamkeiten ein, die seine Bewacherinnen lieben: Musik von Herb Alpert etwa oder folkloristische Kleidungsstücke. (...) Dieser Mann ist für die Wirtschaft verloren, aber für das Leben gewonnen.
Die Thematik von den "Quereinsteigerinnen" erinnert stark an Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei". In einer sehr hübschen Szene werten die Entführer einmal die Zeitungsberichte über ihre Forderungen aus und stellen empört fest: "Im Feuilleton nennt man uns Imitatoren." Das können wir Mrasek und Knepperges nicht vorwerfen. Sie haben das genaue Gegenteil von Weingartners Film gedreht: eine Komödie und einen Film ohne große Botschaft. Daß man darin dennoch Akteure wie Claudia Basrawi als Katja oder den Regieveteranen Klaus Lemke, dem "Die Quereinsteigerinnen" ästhetisch einiges verdanken, in einer großartigen Gastrolle sehen kann, beweist, daß man mit Phantasie und persönlichen Kontakten - Mrasek und Knepperges sind das Herz des Kölner "Filmclubs 813" - im Kino allemal soviel erreichen kann wie mit hohem Budget.
Witziger ist "Die Quereinsteigerinnen" sowieso.
(Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, August 2006)


Mit viel Liebe zum Detail und subtilem Humor haben Knepperges und Mrasek einen Film geschaffen, der in Stil und Ton als Hommage an den Lebenskünstler und Regisseur Klaus Lemke erscheint. Entscheidend trägt dazu der überzeugende Siebziger-Jahre-Sprachduktus von Claudia Basrawi in der Rolle der Katja bei. Bei ihr werden Erinnerungen an die Haare auf den Zähnen der Lemke-Hauptdarstellerin Cleo Kretschmer wach. »Die Quereinsteigerinnen« ist großes Kino mit kleinen Mitteln, das Hoffnung auf weitere Low-Budget-Befreiungsschläge weckt.
(Sylvia Prahl, konkret, August 2006)


...Räuberin Barbara, hinreißend gespielt von der Österreicherin Nina Proll. Wunderliche Grenzüberschreitung und eine alles verändernde Liebe deuten sich im Kidnapper-Versteck an, das in einem wahren Märchenwald im tiefsten Schleswig-Holstein liegt. Ein Film voller Überraschungen, changierend zwischen treffender Komik und ernsthaftem Diskurs.
(Hans Schifferle, emotion, September 2006)


Die der "Kölner Gruppe" angehörenden Regisseure Rainer Knepperges (der selbst ganz famos den Chef spielt und das Drehbuch verfasste) und Christian Mrasek zeigen der jammernden deutschen Filmbranche, was eine Harke ist. Dazu brauchen sie nicht mehr als eine hanebüchene Geschichte, tolle Darsteller, gute Musik, einen originellen Drehort und eine Prise Situationskomik. DIE QUEREINSTEIGERINNEN ist ein unterhaltsamer und entspannter Film, der seine Zuschauer fröhlich jauchzend wieder ins Tageslicht entlässt.
(Barbara Schulz, INTRO, August 2006)


Die Magic Moments der SZ-Kritiker für das Jahr 2005: Rückkehr der gelben Zellen

Deutsche Alltagsrealität verknüpft mit dem Traum vom großen Kino. Als hätte Howard Hawks einen Film gemacht im tiefen Schleswig-Holstein: Die "Quereinsteigerinnen" von Rainer Knepperges und Christian Mrasek.
Es geht um die Entführung eines Telefonkonzern-Chefs, die auch eine Verführung ist in eine sinnliche Utopie. Und plötzlich kommt es zur wunderlichen Grenzüberschreitung, wenn der so seriös-rational wirkende Chef zu einer Telefonsäule flüchtet, die ihm im strömenden Regen keinerlei Schutz gewährt. Verzweifelt nach Münzen suchend, wird er prompt von seinen Entführern wieder eingeholt, zwei Girls in märchenhaft anmutenden gelben Regencapes, die ihm ironisch vorhalten: Hätten Sie bloß nicht die gelben Telefonzellen abgeschafft! Welch großartige Lektion: Der Boss der Telekommunikation muss die kleinen Gesten der Verständigung und Zärtlichkeit neu erlernen. Ein Film also auch, der sich nach einer anderen deutschen Wirklichkeit und einem anderen deutschen Kino sehnt.
(Hans Schifferle, Süddeutsche Zeitung, 22. Dezember 2005)


Ein Lustspiel, das sich um Komödienkonvention nicht schert und mit exzellentem Timing, schrägem Witz sowie offenbarer Freude am Absurden zu den Highlights des diesjährigen Münchner Filmfestes zählte.
Was die "Quereinsteigerinnen" so besonders macht, ist die Leichtigkeit, mit der es Knepperges und Mrasek gelingt, das von der Mode okkupierte Retro-Konzept zurückzuerobern und als Ausdruck einer gemächlicheren Lebensweise sichtbar zu machen, die von der Raserei der Gegenwart erdrückt zu werden droht. Aus der Rückschau folgt zwanglos der kluge Entschluss, nicht jeden Scheiß mitzumachen, nur weil der gerade "in" ist, und deswegen ist dieser im besten Sinne gspinnerte Film frei und unbeschwert, richtig lustig und besonders wertvoll.
(Alexandra Seitz, Tip Berlin, 2005)


Nina Proll, Star des neuen österreichischen Kinos, und Claudia Basrawi, Schauspielerin und Autorin mit viel Erfahrung in Theater- und Prformanceprojekten, treffen mit ihren Kollegen einen leichten, improvisiert wirkenden Ton. Das Politische ist nicht plakativ. Es geht um die Frage, wie Leute aus antagonistischen Welten einander näher kommen - ob die Telekom kapiert, worum es geht, bleibt offen.
(Claudia Lenssen, epd film, August 2006)


Das große Lob der Unprofessionalität oder: Eibein sebehr schöböneber Fibilm

Barbara (Nina Proll) und Katja (Claudia Basrawi) sind hinreißend unbeholfene Entführerinnen. Sie kidnappen ungefähr so, wie man sich das nach Lektüre von zuviel Ennid Blyton-Büchern und dem Sammeln von zuviel Yps-Heft-Geheimagenten-Gimmicks zurechtlegt. Mit Kommunikation in Kinder-Geheimsprache ("Gebeheibeimsprabachebe"), Fesselspielchen und mühsam formuliertem Erpresserschreiben, das am Dorfbahnhof einer alten Zugreisenden zum Einwerfen in Hamburg mitgegeben wird, um die Spuren zu verwischen.
Harald Winter (Rainer Knepperges) nimmt nichts davon ernst, lässt das alles über sich ergehen, sauer nur, dass er grade ein freies Wochenende verpasst. (Bis ihm langsam dämmert, dass er in dieser Gefangenschaft so unfrei gar nicht ist...)
Und wenn aus den Schränken des Ferienhauses die Kunstpelz-Jacken und Häkel-Umhänge ausgepackt werden, wenn die Rhythmusautomatik der Heimorgel grooved, der Eierlikör fließt und Herb Alpert auf dem Plattenspieler die Trompete bläst, dann ist das keine aufgespreizte Retro-Coolness, kein Mode-Gag. Dann ist der Film einfach nur da angekommen, wo er die Heimat seines Herzens hat.
DIE QUEREINSTEIGERINNEN hat ein Sommer der Liebe-Feeling, ist prima entspannt am Rand der Geschichte entlangerzählt, unter Umschiffung all der groß dramatischen, eindeutigen, zuspitzenden Momente, die man sofort im Kopf hat, wenn man nur die Inhaltszusammenfassung liest: der Fluchtversuche, des Aufkeimens der Liebe.
Bei einer der Vorführungen auf dem Münchner Filmfest war Rainer Knepperges nicht nur von der generell famosen Stimmung im Saal angetan - er war speziell glücklich darüber, dass die Lacher so wenig uniform waren. Um es eine Ecke zu pathetisch zu formulieren: Es ist ein sehr demokratisches Lachen, das der Film hervorruft. Er überfällt einen selten mit "Gags". Er macht eher Angebote der Komik, und unterbreitet diese Angebote zudem mit einem herrlichen Understatement - oft ist es nur die Art, wie ein Satz formuliert ist, oder auch nur der spezifische Tonfall, das Timing einer Situation, die einen plötzlich unwiderstehlich kitzeln. Und das Schöne daran ist eben, dass jeder für sich einen anderen Lieblings-Moment entdecken wird. Man fühlt sich weniger wie beim Anschauen einer klassischen Filmkomödie als wie an einem leicht beschwipsten Abend mit Freunden: Beim Nacherzählen ist es dann oft schwer, genau zu erklären, weshalb dies und jenes so rasend lustig war. You just had to be there. Ich erspare es mir drum jetzt auch, auf einer halben Seite darzulegen, warum ich im Kino lang nicht mehr so spontan, ehrlich und tief gelacht habe wie bei "Die Bratpfanne - vor der hat er Angst!".
DIE QUEREINSTEIGERINNEN ist... nein, nicht mal so sehr eine Antwort auf die derzeitige Welle an deutschen Unbehagen-am-System-Filmen mit proto-revolutionären Träumen à la DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI, sondern eine Alternative: An der Oberfläche nimmt er sich weniger wichtig und ernst, führt alle große Attitüde auf's Schönste ad absurdum. Aber in dem, was er tut, ist er konsequenter. Weil er konkret vorführt, dass man, wenn man nur will, sich den (ästhetischen) Moden und vermeintlichen Fortschritten tatsächlich entziehen kann - und dabei ungleich mehr Freude bereiten, als die allermeisten angestrengten Surfübungen auf der jüngsten Zeitgeist-Brandung.
Man mag sich mehr oder minder entfernt erinnert fühlen an den definitiv schönsten deutschen Film 2004, Helge Schneiders JAZZCLUB - DER FRÜHE VOGEL FÄNGT DEN WURM: Gelebte Verweigerung ohne jede Verbissenheit. Schlicht der Beweis, dass es noch immer anders geht. Ein Lichtblick in der Dauermisere des deutschen Kinos, von dem man wieder ein paar Monate zehren kann.
Einen naheliegenden Vorwurf gibt es gegen DIE QUEREINSTEIGERINNEN: Dass seine Sehnsucht nach dem utopischen Uruguay fern der Zwänge des Globalkapitalismus, dass seine Wiederauferstehung der Siebziger nur ein naives Rückzugsgefecht sei, eine Flucht in eine imaginäre Welt der Kindheit (Knepperges und Mrasek sind Jahrgang 1965 und 1970), die in Wahrheit auch nicht menschlicher und besser war, sondern die man damals lediglich aus einer Geborgenheit der Unwissenheit heraus wahrnahm.
Soviel daran ist wahr: Der Film ist eine pure, utopische Fantasie. Woraus er auch nie einen Hehl macht. Aber das Listige an ihm ist, dass er die vermeintlichen "Realitäten" in ihrem Ursprung auch erstmal als Fantasien begreift - nur welche, die ruchloser durchgesetzt wurden. DIE QUEREINSTEIGERINNEN enträt klugerweise aller großen politischen Diskussionen. Aber nebenbei - wie alles Wichtige in diesem Film - schleicht sich dann doch ein bisschen was ein von einem Weltbild. Und da ist dann eben diese zentrale Frage, warum eigentlich die gelben Telefonzellen wegmussten. Es gibt dafür viele und komplexe Gründe. Einerseits. Andererseits läuft es aber auch darauf hinaus, dass Menschen in entsprechenden Machtpositionen sich das, einer bestimmten Fiktion von Welt folgend, als Notwendigkeit eingebildet haben.
Barbara redet mal mit Harald Winter über dessen Job und wie das denn so ist, wenn er mit seinen Kollegen zusammensitzt und Dinge beschließt. Man stellt sich das unweigerlich so ähnlich vor wie die Planungen von Barbara und Katja. Nur eben weniger sympathisch - und ungleich professioneller. Weil das wohl der entscheidende Unterschied ist zwischen dem Amateurtum und den Profis: Dass letztere es als Selbstverständlichkeit ansehen, dass die Welt ihrem Willen und Vorstellungen gehorcht.
Im vielleicht hinterhältigsten Dialog des Films fragt Barbara dann Harald: "Wessen Lieblingsfarben waren eigentlich Grau und Rosa?"
(Thomas Willmann, artechock, 2005)


Obwohl sie größtenteils exakt festgelegt sind, besitzen die Dialoge durchaus einen improvisierten Charakter. Es ist das Verdienst der Schauspieler, dass sich dieser Eindruck zunächst aufdrängt. Ihre Spielfreude und Vitalität formen eine filmische Seele, welche den Festival-Erfolg der Low-Budget-Produktion seit ihrer Uraufführung auf dem letztjährigen Münchener Filmfest erklären kann.
(...) DIE QUEREINSTEIGERINNEN gelingt das Kunststück, den Zuschauer mittels einer amüsanten kleinen Geschichte zur Reflektion über das herrschende Diktat der Wirtschaft anzuregen, ohne dabei eine diffuse Globalisierungsphobie wie "Die fetten Jahre sind vorbei" (2004) zu bedienen.
(Marcus Wessel, critic.de, 2006)


Die pure Lust am Sich-in-Szene-Setzen gilt es zu zelebrieren, und dabei soll den cineastischen Vorbildern lässig Reverenz erwiesen werden. Knepperges und Mrasek tun dies in der Entführungskomödie "Die Quereinsteigerinnen", bei der zwei bezaubernde junge Damen für die Wiederaufstellung der gelben Telefonhäuschen kämpfen: ernsthaft und mit irrer Homemovie-Eleganz.
(Rainer Gansera, Süddeutsche Zeitung, 2005)


Eine vergnüglich absurde Komödie. Daß darin Klaus Lemke eine kleine Rolle spielt, ist kein Zufall, weil der seine Filme auch stets ohne Rücksicht auf Verluste gedreht hat.
(Michael Althen, FAZ, 2005)


...und sein Auftritt ist in diesem Film mehr als ein charmantes Cameo. Es ist in der Tat eine Art Programm, in Erinnerung an jenes Münchner Kino der Sechziger, mit dem Lemke, Rudolf Thome, Eckhart Schmidt einst Opposition gegen die Oberhausener machten, ein Kino das aussehen sollte wie das von Hawks und Godard. Durchaus passend also, dass die "Quereinsteigerinnen" nun auf dem Münchner Filmfest präsentiert wurden, als eine der angenehmen Überraschungen in der deutschen Reihe.
Wie in den Sechzigern Mexiko - in Lemkes "48 Stunden bis Acapulco" - liefert hier das ferne Uruguay ein Lebensführungs-Gegenmodell, als ein Land, wo man freiwillig in den Sechzigerjahren stehen blieb, wo die Leute ihre Autos immer wieder selber reparieren, so dass sie vierzig Jahre damit fahren können und daher immer in den tollsten Modellen daherkommen. Es ist eine Welt, die es wahrscheinlich nur noch im Kino gibt, in dem von Howard Hawks vor allem, dessen großartiger "Man?s Favourite Sport?" auch hier, inspirierend und konspirativ, an allen Ecken und Enden durchscheint.
(Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung, 2005)


Nun hat der Film bundesweit einen Verleih gefunden.
Die Geschichte um den entführten Harald Winter hat nichts von ihrer boshaften Brisanz verloren.
(Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung, August 2006)


Mit Eleganz und Leichtigkeit fügt sich das märchenhafte Geschehen in die glücklich ausgewählte Szenerie ein. Das Grün der Wiesen und Wälder, das knisternde Lagerfeuer, jener Gang über das wellige Weideland bilden geglückte Reminiszenzen an das Westerngenre. Mit weicher, sensitiver Hand sind die Gegenüberstellungen geschnitten, die den Gefangenen mit seiner neuen fremden Umgebung konfrontieren. Ein Augenaufschlag, eine Muskelregung im sonst so starren Gesicht genügen, um seine Neugier zunächst, dann sein teilnehmende Sympathie zu signalisieren. Zum Beispiel dort, wo er von den Geisterfotografien erzählt. Der lauschenden Entführerin geht die Erzählung gerade deshalb so zu Herzen, weil sie von etwas handelt, das ganz außerhalb des Gefüges dieses Films liegt. Und doch sind wir hier, wo sich die beiden einander öffnen, in seinem Zentrum.
(Peter Nau)


Uns ist das enthusiastische Urteil einer Österreicherin über den Film zugespielt worden, das wir hier auszugsweise zitieren: "Zu allem kommt dann noch, dass absurderweise mehrmals plötzlich Gegenstände aus der Wohnung meiner Eltern aufgetaucht sind, z.B. diese grauenvolle braune Fransenlampe (Hänge- und Stehlampe!!!) - ich schwöre, wir hatten genau diese, ich bin damit aufgewachsen. Und wenn ich meinen Scheitel ändere, nehm' ich auch immer Nivea! Jetzt muß ich leider aufhören mit der Lobeshymne und an dem blöden Softwarehandbuch weiterschreiben, sonst wird's nicht fertig bis morgen."
(New Filmkritik)



Der Film wurde gefördert durch die FFA (Referenzfilmförderung für den Kurzfilm TOUR EIFEL) und die Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein